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21.09.2016

Sie oder Du in Zeiten von You?

Dem Klischee nach ist Siezen steif und drückt Duzen Vertrautheit aus. Doch so einfach ist es meistens nicht.

Im Knigge ist die Welt klar geregelt. Die Frau bietet dem Mann das Du an, der Ältere dem Jüngeren und in Hierarchien geht das Duz-Angebot von oben nach unten. Doch ist das in unserer globalisierten Arbeitswelt nicht längst überholt? Im Beisein amerikanischer oder britischer Gesprächspartner sprechen wir einander selbstverständlich mit Vornamen und „you“ an. Seltsam, danach beim nächsten Termin auf die förmliche deutsche Anrede zurückzufallen. Mal Thomas und Anne, dann wieder Herr Weber und Frau Dr. Klein.

Immer mehr Unternehmen meiden diesen Spagat und gehen zum generellen „Du“ über. Doch Umfragen zeigen, dass nicht alle Arbeitnehmer damit glücklich sind. Das Duzen ist kulturell als Ausdruck besonderer Nähe und Sympathie verankert. Fremde ungeachtet dessen zu duzen, widerstrebt. Bei großen Alters- oder Hierarchieunterschieden wirkt das „Sie“ ohnehin oft passender. Und so bevorzugen jeder Zweite über 50-Jährige und gut 40 Prozent der befragten Frauen das Siezen im Berufsalltag. Sie wissen darum, dass mit falsch verstandener Nähe vielfältige Probleme einhergehen können – und sie gerade in Konfliktfällen dazu verleitet, Kritik allzu schnoddrig, persönlich und verletzend zu formulieren.

Bleiben Vorgesetzte beim „Sie“, fällt es Mitarbeitern tendenziell leichter, Kritik nicht persönlich zu nehmen und eigene Forderungen zu formulieren, weil sich professionelles und privates Rollenverständnis weniger vermischen. Auch im Kundenkontakt ist das distanziertere „Sie“ meist die bessere Wahl. Firmen wie IKEA oder Coca-Cola geben sich zwar in der Werbung jung-verbindlich und Duzen ihre Kunden. Doch bleiben ihre Mitarbeiter im Beratungsgespräch beim „Sie“. Gleiches gilt für die Unternehmenskommunikation und das Recruiting auf Social-Media-Kanälen. Immer mehr Unternehmen gehen hier zum „Du“ über. Deshalb dürfen Bewerber beim Bewerbungsgespräch aber noch lange nicht alle Anwesenden duzen.

Es bleibt also kompliziert. Der Knigge im Hinterkopf hilft, indem er die grobe Linie vorgibt. Die Feinheiten gilt es, im unbefangenen Austausch miteinander immer wieder aufs Neue auszutarieren.

 
 
 
 
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