9. Oktober 2018

Auslaufmodell Bewerbungsfoto?

Anonymisierte Bewerbungen lenken die Aufmerksamkeit auf Qualifikation und Erfahrung. Vielerorts sind sie der Normalfall – und Fotos in Bewerbungsmappen verpönt.

„Wir sind davon überzeugt, dass Alter, Geschlecht und Herkunft keinen konstruktiven Beitrag in Bewerbungsverfahren leisten“, stellen die Macher der Jobbörse BIAMU.de klar. Anstatt Anschreiben, Lebensläufe oder Fotos hochzuladen, absolvieren Bewerber hier sofort jobbezogene Einstellungstest, um Arbeitgeber von ihrem Können zu überzeugen.

Was für europäische Bewerber und Recruiter ungewohnt klingt, ist in Kanada, Großbritannien und den USA der Normalfall. So raten HR-Experten in den Staaten explizit von Bewerbungsfotos ab. Recruiter würden Mappen mit Foto gleich aussortieren, weil der Bewerber offensichtlich nicht wisse, was sich in Bewerbungsverfahren ziemt. Arbeitgebern dürfen nur in Ausnahmefällen nach Fotos fragen. Verstöße verfolgt die Equal Employment Opportunity Commission (EEOC) konsequent.

Modellversuche mit positiven Ergebnissen

In Europa fassen anonymisierte Bewerbungsverfahren kaum Fuß, obwohl es nicht an Hinweisen auf Diskriminierung mangelt. Geben Bewerber türkisch klingende Nachnamen an, sinkt ihre Chance auf ein Vorstellungsgespräch laut Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) um durchschnittlich 14 Prozent; bei kleinen und mittleren Unternehmen sogar um 24 Prozent. In Zeiten des Fachkräftemangels verbauen Unternehmen sich unnötig Chancen. Denn Modellversuche in Deutschland und diversen anderen EU-Ländern belegen, dass Migranten, Frauen und Ältere schlagartig interessanter werden, wenn Fotos und persönlichen Angaben in den Bewerbungsunterlagen entfallen.

Zugleich zeigt ein Pilotprojekt des IZA, in dem Unternehmen und Behörden über 8.500 anonymisierte Bewerbungsverfahren mit Nachwuchs-, Fach- und Führungskräften durchführten, dass sich auch die Mehrheit der Personalverantwortlichen mit der Anonymisierung wohler fühlt. Gerade das Weglassen der Fotos trage zur Fokussierung auf die Qualifikationen bei. Im Projekt gelangten viele Bewerber in die engere Auswahl, die im herkömmlichen Verfahren kaum eingeladen worden wären.

 
 
 
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